Die Schutzbewaffnung für den Tjost in Sankt Wendel

Erläuterungen eines teilnehmenden Ritters

Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 1
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 2
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 3
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 4
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 5
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 6
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 7
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 8
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 9
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 10
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 11
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 12
Das große Turnier in Sankt Wendel - Die Schutzbewaffnung für den Tjost
Abbildung 13

In Sankt Wendel tragen die Ritter historische Reproduktionen kompletter Plattenharnische des ausgehenden späten Mittelalters/der frühen Neuzeit um sich vor dem gewaltigen Stoss der auftreffenden Vollholzlanze des Gegners zu schützen (Abbildung 1).

Derartige Schutzpanzer wurden mehr als 100 Jahre zuvor entwickelt und stellen Kleinode der Plattnerkunst dar. Viele Details deuten an, dass sie funktional und praktisch zugleich sind.

Wie die Originale sind auch die Reproduktionen unserer Harnische aus gehärtetem und wärmebehandeltem Kohlenstoffstahl gefertigt, der ihnen eine Festigkeit verleiht, die ca. 400 Prozent über der heute üblichen Standardstahls liegt. Neben der authentischen Plattenstärke wurde auch die originale Form sorgfältig reproduziert um zusammen mit einer entsprechenden Politur die korrekten Glanzeffekte der Oberflächen zu erzielen.

Im frühen 16. Jahrhundert gibt es, besonders in den deutschen Territorien, viele unterschiedliche Formen des Tjosts, von denen wir eine für uns auswählen mussten. Im weiten Sinne gliedern sich die vielen Spielarten in zwei große Hauptgruppen – das „Scharfrennen“ (joust of war) und das „Gestech“ (joust of peace). Trotz dieser einfach erscheinenden Grundgliederung hatte fast jeder mittelalterliche Tjost seine eigenen speziellen Regeln, die üblicherweise von den Rittern selbst individuell festgelegt/abgesprochen wurden.

Im 16. Jahrhundert dann wurde versucht, dieses unüberschaubare Absprache-Wirrwarr zu ordnen und für die einzelnen Tjostformen in verbindlichere Regeln zu fassen.

Wir reproduzieren beim Turnier in Sankt Wendel eine Form des „Welschen Gestechs“. Dabei tragen die Teilnehmer spezielle „Stechhelme“ und den Standardrüsthaken (ohne „queue“), reiten auf Kriegssätteln und tragen volles Beinzeug (Abbildung 2).

In Abbildung 3 ist Dr. Tobias Capwell zu sehen, der gerade seinen Tjostharnisch anlegt. Dabei handelt es sich um eine Reproduktion eines der vom kaiserlich maximilianischen Hof bis in unsere Zeit überlieferten originalen Stücke (Abbildung 4). Im Melée wird er natürlich einen komplett anderen Harnisch tragen (Abbildung 5), ein Exemplar wie es auch in einer Schlacht getragen worden ist.

Der Tjostharnisch ist mit einem speziellen Helm sowie einer Harnischbrust, an die ein großer Rüsthaken montiert ist, ausgestattet. Letzerer stellt das Lager, die Rast dar, in die die Lanze mit ihrem taillierten Griffstück eingelegt wird. Damit wird auch die enorme Energie, die beim Auftreffen der Lanze freigesetzt wird, auf Brust und Rüsthaken abgeleitet und so die führende Lanzenhand geschont. Aufgrund der Gewalt, die bei einem Treffer auf Brust und Rüsthaken wirkt sind diese Elemente besonders massiv und widerstandsfähig gearbeitet.

Der spezielle Helm besitzt rechts, also auf der der gegnerischen Lanze abgewandten Wangenseite eine Atemklappe (Abbildung 6). Bei dieser Turnierform, dem „Gestech über die Pallia“ (ein die beiden Reiter trennender hölzerner Zaun oder Wand) kann der Reiter nämlich sicher sein, dass der Lanzenstoß immer von links kommt.

Der Helm ist mit handgefertigten Bolzen wie beim Original mit Brust- und Rückenstück verschraubt (Abbildungen 7 und 8). Das bedeutet natürlich, dass der Kämpfer zumindest dieses Harnischteil nicht selbst anlegen kann, sondern externer Hilfe bedarf. Helme dieses Types besitzen üblicherweise ein Gewicht zwischen 6 und 10 kg; die prunkvolle Helmzier kann weitere 2 kg ausmachen.

Dieses enorme Gewicht, das auf den Schultern lastet und den Schwerpunkt nach oben verlagert, macht verständlicherweise schon das Reiten in einer solchen Rüstung alleine zu einer gewissen Herausforderung. Das Gewicht des Harnisches ist aber nicht nur eine lästige Erschwernis sondern im Zusammenspiel von Masse und Geschwindigkeit lässt sich eine auftreffende Lanze leichter brechen (ähnlich als wenn ein Güterzug in voller Geschwindigkeit auf einen eingekeilten Holzpfosten trifft).

Der stählerne Helm wird über eine Kopfhaube gestülpt, die nicht nur den Zwischenraum zum Kopf hin ausfüllt, sondern durch ihre Konstruktion und Formgebung den Kopf gegen die Einwirkungen bei Treffern durch die gegnerische Lanze oder beim Sturz vom Pferd aktiv schützt (Abbildung 9). So sind selbst schwere Lanzentreffer gegen den Helm in der Regel absolut schmerz- und verletzungsfrei zu überstehen. Es bleibt nur ein lautes Treffergeräusch.

Die für den Tjost benutzte und hier vorgestellte Harnischbrust ist im rechten Schulterbereich mit einer Art kantiger und hoher „Rippe“, dem sogenannten Brechrand ausgestattet. Dieser besitzt vor allem eine abweisende, eine ablenkende Funktion und soll dafür sorgen, dass die drei- oder vierarmige Lanzenspitze, das „Krönlein“, bei einem Abgleiten nicht in die Spalte zwischen Arm- und Brustpanzerung rutschen und den dort ungeschützten Körper des Reiters gefährlich verletzen kann (Abbildung 10).

Das Schild, die Tartsche ist mit einem speziellen großen durchgängigen Bolzen, dem „flaon bolt“ fest mit der Harnischbrust verbunden (Abbildungen 10 bis 13). Das ist übrigens eine neue Entwicklung des 16. Jahrhunderts. Daneben wurde aber auch noch das etwas ältere System der Schildfessel benutzt, die den Schild über Hals und Arm fixierte. Bei der neuen Variante kann der Schild lediglich um den „flaon“ rotieren, hat aber ansonsten einen festen Sitz.

Die Tartsche selbst liefert bei dieser Montageform eine sichere Trefferfläche, schützt gleichzeitig den Tjoster und bietet dabei eine speziell profilierte Oberfläche in die sich die Lanzenspitze so gut verbeißen kann, dass sie nicht rutscht. Trifft die Lanze dagegen die gerundete und glatte Helmoberfläche, so findet sie nur wenig Widerstand und wird abgelenkt. Dieser gewünschte Effekt mag allerdings nicht eintreten, wenn die Lanzenspitze sich an einer Helmniete oder gar im Visierschlitz verhakt.

Um bei bestmöglicher Sicht einer Lanzenspitze nun dennoch eine geringst mögliche Angriffsfläche zu bieten, ist das Profil der Helmvorderseite und dabei auch die Ober- und Unterkante des Sehschlitzes auf besonders raffinierte Weise gestaltet (Abbildung 1).