„Tjost-Mania“ am Hof des „letzten Ritters“

Ganz am Ende des 15. Jahrhunderts kam es am Hof des Kaisers Maximilian I. (*1459 – 1519+) zu einer Art von Turnier- oder besser „Tjostrevolution“. Zu jener Zeit befand sich die mittelalterliche Welt in schnellem Auflösungsprozess und die vibrierende Tjostkultur, die am kaiserlichen Hof des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts in voller Blüte stand, erscheint quasi als Gegenreaktion zu diesem Trend. Die halbfiktiven Biografien Maximilians wie der Wiesskunig, Freydal oder Theuerdank zeichneten den Kaiser als Sinnbild einer romantischen Tradition, als ritterlichen Helden, dessen gesamtes Leben von den alten Idealen des Rittertums bestimmt war.

Das große Turnier in Sankt WendelFür Maximilian war, um sein Ideal eines starken Führers zu realisieren und zu feiern, neben dem Fußturnier und der Jagd, der Tjost von zentraler Bedeutung. Er war für ihn Vorbereitung auf den Krieg und gleichzeitig sein Signal für die Bereitschaft zur Schlacht. Die Wiederbelebung der Plattnerkunst, die unter seiner Herrschaft sicherlich aufblühte, nahm er für sich in Anspruch. Zwei der berühmtesten Plattner aller Zeiten (Lorenz Helmschmied von Augsburg und Konrad Seußenhofer aus Innsbruck (an letzterem Ort etablierte er 1504 seine Hofrüstkammer) schufen für Maximilian und seinen Hof zahlreiche neue Typen von Turnierharnischen. Aus ihrem Schaffen, in enger Zusammenarbeit mit dem Kaiser selbst, entwickelte sich eine Reihe unterschiedlicher Tjostformen, von denen jede ihre eigene Schutzbewaffnung und Ausrüstung erforderte.

Die zu jener Zeit am kaiserlichen Hof erfundene Palette an unterschiedlichen Tjosttypen gliedert sich in zwei Hauptkategorieren. „Gestech“ und „Rennen“. Diese wurden nostalgisch als „Tjosts a plaisance“ (Lanzenkampf zu Pferd zum „Spaß“) bzw. „a outrance“ (Lanzenkampf zu Pferd auf „Leben und Tod“) bezeichnet. Tatsächlich waren solche Definitionen bzw. Benamungen zu jener Zeit im Großen und Ganzen nicht mehr ihrer ursprünglichen Bedeutung angemessen. Echte Kriegstjosts („a outrance“) waren meist zusammen mit der mittelalterlichen Welt, zu der sie in Wirklichkeit gehörten, verschwunden (es gibt allerdings einige Hinweise auf ihr vereinzeltes Weiterleben bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, vor allem in England und Spanien).

Diese allgemeine Feststellung soll aber in keiner Weise andeuten, dass maximilianische Tjoste „weicher“ und weniger „männlich” gewesen wären als jene, die im Mittelalter abgehalten worden waren.

Das große Turnier in Sankt WendelVielmehr gehörten einige der maximilianischen Varianten des Tjosts zu den rauesten und härtesten Versionen, die jemals in einem Turnier zur Ausführung kamen. Diese erlaubten wesentlich härtere Treffer als bei den mittelalterlichen Formen üblich. So konnten Lanzen, vor allem im deutschen Raum, mit über fast ihre gesamte Länge zu messenden Durchmessern von bis zu 12,5 Zentimetern geradezu monströse Dimensionen annehmen. Um diese Lanzen richtig führen zu können, wurde bei einigen Turnierharnischtypen sogar ein zusätzlicher hinterer Rüsthaken, der „queue“ angebracht. Die in jener Zeit mit derartigen Lanzen zu erzeugende Wucht der Stöße (besonders im „Gestech“) war so massiv, dass unter Umständen sowohl Pferd als auch Reiter zusammen zu Boden geworfen werden konnten.